Eine Schulklasse alter Prägung – also eine wie zu meiner Schulzeit – ist immer ein ganz eigener Mikrokosmos. Wir sind nicht teil einer Stufe – wir sind teil einer richtigen Klasse. Wir dürfen uns noch zu einem echten Verbund zusammenschweißen, werden höchstens zum Religionsunterricht getrennt – und auch das kommt ja in den höheren Jahrgängen immer weniger zum Tragen. Und dann verbringen wir auch noch größere Teile unserer Freizeit in verschiedenen Gruppen miteinander – das bindet!
So ist es wenig erstaunlich, dass auch das persönliche Gerechtigkeitsempfinden nicht nur auf die jeweils eigene Situation angewandt wird, sondern dass auch die faire Behandlung aller Mitschüler im Schulalltag eine hohen Stellenwert geniesst und aufmerksam überwacht wird.
Und wenn es Anlass zu Kritik am „System“ gibt, dann wird diese auch artikuliert! Schließlich sind wir inzwischen am Ende der 60er Jahre angekommen.
Nun ist der harte revolutionäre Aufstand mit Aufmarsch und Geschrei nicht unser Stil – wir äußern uns anders, eher subtil, intellektueller – mit Schreib- und Zeichenfeder statt Getöse.
Das folgende zeitgenössische Fundstück dokumentiert diese uns allen eigene innere Haltung aufs Trefflichste:

„Eine objektive Beurteilung der Schüler durch den Lehrkörper ist voll und ganz gewährleistet!“ sagte Herr Oberstudiendirektor Schmidt…
Wie zwei Suchscheinwerfer gleiten die Augen des Lehrers durch die Klasse, tasten sich von einem zum andern – zunächst fragend, dann fast schon um eine Antwort flehend.
Die Frage schwebt noch im Raum, lastet drückend wie Sommerschwüle auf den Primanern. Niemand sagt etwas.
Skatbrüder und Klassenclowns, Spiegel-Leser und Märchenonkels – alle sind verstummt. Selbst die, die bei allen Lehrern unter dem Sammelbegriff „Nicht-Schon-Wieder-Dieselben“ laufen, kneten verzweifelt ihr bisschen Hirnmasse, damit irgendwie der erlösende Groschen fällt, irgendwie ein befreiendes Licht aufgeht. Noch einige Sekunden der Ewigkeit verstreichen.
Dann plötzlich geschieht es: Die Saturn 5 speit Feuer, löst sich langsam, zaghaft von der Tischplatte, wird dann immer schneller und schneller, bis die Finger in einer unerreichbaren geistigen Höhe stehenbleiben.
Ein Leuchten erfüllt im Nu die Augen der Zuschauer, aber erst das „Ja, Walter?“ des Herrn Studienrats löst die Spannung, verwandelt sie in ein erleichtertes Raunen. Walter – wie so oft – erlöst Schüler und – Lehrer.
Walters Aktivität besteht jedoch nicht nur aus Nächstenliebe; er will auch etwas dafür haben, will sie honoriert sehen auf jenem Blatt, das für die einen eine Himmelsleiter, für die andern aber eine Rutschbahn in den Abgrund ist. Er will den Leistungsunterschied zu seinem Nebenmann Jürgen quittiert haben, der, obwohl gewiss nicht dumm, das ganze Jahr über nur Schweigen von sich gibt.
Ehre, wem Ehre gebührt! Walter vertraut auf die Worte seines Direktors.
Am Tag der Freude und der Verzweiflung hat er es dann schwarz auf weiß: Er erhält ein Stück Papier, auf dem mit Unterschrift des Direktors und des Klassenlehrers bestätigt wird: Beteiligung am Unterricht: Im Ganzen Gut!
Nachbar Jürgen: Beteiligung am Unterricht: Im Ganzen Gut!„Eine objektive Beurteilung der Schüler durch den Lehrkörper ist voll und ganz gewährleistet!“…
Ausnahmen bestätigen die Regel?

Quelle: „Die Brille 4“, Schülerzeitung des Staatlichen Hölderlin-Gymnasiums Köln-Mülheim, August 1969, S. 17-18
Text: Jürgen Büchy, Zeichnung: Bernd Gatter

aus: „Die Brille 4“, August 1968, S. 19; Zeichnung Bernd Gatter
Man fühlt sich besser, wenn man seine kritischen Bemerkungen auf diese Weise der Schulöffentlichkeit nahegebracht und den Finger in die Wunden gelegt hat.
Ob allerdings derartige Hinweise auf Fehlentwicklungen zu Veränderungen geführt oder doch zumindest Nachdenken angeregt haben, ist nicht überliefert.


Toll, was Du alles ausgräbst… – und schreiben konntest Du schon damals!
Danke, liebe Feli! Ich musste auch grinsen, als ich mein „Frühwerk“ entdeckt habe!
Ja, wunderbar geschrieben
Danke, liebe Maggy!